„Ist peinlich, das offen zuzugeben” Warum wir wirklich Probleme mit Flüchtlingen haben

Flüchtlinge gehen an der deutsch-österreichischen Grenze während eines Schneeschauers nach Deutschland.

Köln – Flucht und Migration ist derzeit eines der größten und vielleicht auch wichtigsten Themen unserer Zeit. Es scheint, als wären nie zuvor so viele Menschen gezwungen, ihr Zuhause zu verlassen, sei es aufgrund von Krieg, Konflikten, Verfolgung oder wegen der ökonomischen Verhältnisse.

Immer wieder ertrinken Menschen im Mittelmeer, immer wieder wird über die dramatischen Seenotrettungen berichtet. Seit 2015 bestimmt das Thema Flüchtlinge die Debatten in Deutschland und polarisiert unsere Gesellschaft: Es wird emotional darüber gestritten, wie man sie begrenzt, wie man Flüchtlingen hilft, wer wie zuständig ist. Ein Streit zwischen „Wir schaffen das” (Kanzlerin Angela Merkel, CDU) und „Wir müssen die Grenzen dicht machen” (Alexander Gauland, AfD). 

Flüchtlinge sitzen vor der Küste von Libyen in einem Schlauchboot: Die Flüchtlinge waren von Mitgliedern der Rettungsorganisation Sea-Eye von deren Hilfsschiff „Alan Kurdi” aus gerettet worden.

Der Münchener Anthropologe Dr. Martin Trautmann befasst sich schon seit vielen Jahren mit dem Thema Flucht. Er erklärt EXPRESS anlässlich des Internationalen Tags der Migranten, woher die Vorurteile gegenüber Flüchtlingen kommen. Und warum es auch falsch ist, einfach allem Fremden offen gegenüber zu sein. Wovor haben wir wirklich Angst?

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Herr Dr. Trautmann, seit fünf Jahren sind Flüchtlinge und Migranten DAS Thema in unserer Gesellschaft. Aber was ist Migration eigentlich und brauchen wir sie überhaupt?

Dr. Martin Trautmann: Es gibt kaum eine Art, die so sehr auf der Erde verbreitet ist, wie der Mensch. Er ist die anspruchsvollste, aber zugleich auch anpassungsfähigste Spezies. Er braucht viel Platz und hat hohe Ansprüche an Ressourcen und Klima. Anders als die meisten Tiere passt er die Umwelt an sich an, um in seiner Umgebung klarzukommen, statt sich selbst anzupassen. So erschließt sich der Mensch permanent neue Lebensräume. Schon in frühester Zeit der Menschheitsgeschichte beobachten wir Wanderungsbewegungen, auch nach und in Europa.

Der Anthropologe Martin Trautmann (rechts) untersucht die Lebensweise der späten Bronzezeit.

Das heißt Wandern oder Auswandern ist normal und begleitet uns von Anfang an?

Ja, und das ist auch wichtig: Je isolierter Menschen leben, desto isolierter und kleiner ist auch ihr Genpool. Nachteilige Erbeigenschaften können sich so anhäufen. Isolierte Bevölkerungen sind oft nach einiger Zeit biologisch nicht mehr so fit. Beispiel: Die Wikinger-Siedler auf Grönland, vermutlich nur wenige hundert Personen. 500 Jahre haben sie dort fast isoliert gelebt, Erbkrankheiten haben sich angehäuft. Als sich dann um 1500 das Klima veränderte und das Nahrungsangebot knapper wurde, erloschen ihre Ansiedlungen. Die genetische Diversität und damit Anpassungsfähigkeit an neue Gegebenheiten waren zu gering, die allgemeine Fitness hatte durch Inzucht abgenommen.

Und Zuwanderung hätte sie gerettet?

Zuwanderung ist rein biologisch gesehen von hohem Vorteil, Durchmischung ist gut. Was aber Probleme machen kann, sind die kulturellen Unterschiede. Für Menschen ist die Gruppenidentität sehr wichtig, sie definiert sich übers Aussehen und kulturelle Elemente wie Sprache, Religion, Essgewohnheiten oder die Zahl der erlaubten Ehepartner. Wer hier abweicht, ist schnell ein „Anderer“, ein „Fremder“.

Wie unterschiedlich reagieren denn Menschen auf das Fremde und Unbekannte?

Das Fremde ist für sie bedrohlich und einschüchternd, attraktiv und interessant zugleich. Das kann man schon in der Antike beobachten: In Rom war es zeitweise schick, sich „germanisch“ zu geben – der gefürchtete Barbar war eben auch cool. Aktuell haben wir ein ähnliches Beispiel: die modischen dicken Vollbärte. Sie kommen ursprünglich von US-Soldaten, die im Irak oder Afghanistan stationiert waren. Das Barttragen wurde ihnen empfohlen, um von den Einheimischen als gestandener Mann ernstgenommen zu werden. Das ist eine kulturelle Anpassung. Zurück in ihrer Heimat waren die vollbärtigen Veteranen dann so interessant, dass viele ihnen nacheiferten. Auf diese Weise wurde wegen des „Krieges gegen den Terror“ aus einem traditionellen Kulturelement des Nahen Ostens ein Modetrend, aus einem Merkmal der gefürchteten Terroristen ein Beautyaccessoir. Erscheint bizarr, aber so ticken Menschen.

Ein deutscher und mehrere afghanische Soldaten treten 2005 in Kundus im Lager der deutschen ISAF-Truppe an.

So erscheint der Bart derjenigen, vor denen man so viel Angst hat, in der eigenen Gesellschaft – und wird dann akzeptiert?

Der Bart ist eine Art der Verarbeitung: Das Unbekannte beinhaltet unterschwelligen Nervenkitzel, die Menschen sind hin- und hergerissen, so wie bei Horrorfilmen. Das ist schon bei Schimpansen sichtbar: Die finden es faszinierend, wenn ein Artgenosse von einem Leoparden zerrissen wird, und sitzen panisch kreischend auf dem Baum, gucken aber nicht weg. Menschliches Verhalten schwankt zwischen zwei Polen: Angst und Vorsicht sowie Faszination und Nachahmung.
Und ja, wenn etwas zunächst Fremdes alltäglich wird, verliert es auch seine bedrohlichen Aspekte.

Angst und Skepsis vor dem Fremden ist also erstmal normal?

Ja, das kennen wir schon aus den 1960er Jahren, als die ersten Gastarbeiter aus Italien zu uns kamen. Viele Deutsche waren auch damals skeptisch. Wenige Jahre später haben sie dann die Vorteile gesehen: Sie haben ihre Jobs doch nicht verloren und hatten nun sogar ein tolles italienisches Restaurant um die Ecke und nicht mehr nur die vertrauten Krautwickel auf dem Tisch. Dann kamen Türken – Muslime! – und die Bedenken wurden noch schlimmer. Man dachte: Die schlachten Schafe im Hinterhof, und der Muezzin weckt einen um 5 Uhr morgens. Aber auch das ist nicht passiert, stattdessen gab es Lahmacun und brave Steuerzahler. Die erste Konfrontation mit dem Unbekannten bedeutet oft erstmal Unbehagen, für Akzeptanz braucht es Zeit.

Gehört der Islam also zu Deutschland – aber eben erst nach einer gewissen Zeit?

„Gehört zu Deutschland“ – die Formulierung ist eine überspitzte Floskel und unsinnig. Der Islam ist zunächst einfach ein fremdes Kulturelement. Wenn er da ist, ist es ok. Wenn er nicht da ist, ist es auch ok. Relevant ist, ob eine gegenseitige Akzeptanz von Nicht-Muslimen und Muslimen besteht. Wie jedes andere Kulturelement kann Religion Anlass für Zwist sein – muss aber nicht. Das ist wie mit Fußballfans verschiedener Clubs – sie können im Stadion aufeinander einschlagen, müssen aber nicht. Wenn ein Neuankömmling in einer bestehenden Gemeinschaft der Gruppe nicht schadet, wird er früher oder später von ihr akzeptiert, auch wenn Unterschiede bestehen. Mal dauert es länger, mal geht es schnell – je fremder desto schwieriger. Aber es wird irgendwann passieren. Gerade die kleinen und isolierten Gruppen, die eigentlich am meisten vom Neuen profitieren, brauchen oft am längsten, um sich zu gewöhnen.

Seit 2015 ist Migration ein großes politisches Thema und damit auch die Frage: Wie weit müssen wir Flüchtlinge integrieren? Entweder Integration oder sie müssen zurück in ihre Heimat? 

Das ist ein Kardinalfehler seit 2015: Immigranten und Flüchtlinge werden in einen Topf geworfen. Doch Flüchtlinge verlassen ihre Heimat, um ihr bedrohtes Leben zu schützen und wollen sobald wie möglich wieder zurück nach Hause. Immigranten dagegen erhoffen sich woanders auf Dauer ein besseres Leben, sie möchten in ihrem neuen Umfeld bleiben. Es macht also keinen Sinn, Flüchtlinge mit Gewalt umfassend anzupassen; für sie reicht eine grundlegende Orientierung, wie man sich in der gastgebenden Gesellschaft reibungslos aufhält – ähnlich wie bei Touristen. Bei Immigranten hingegen ist es sinnvoll, dass sie die neue Kultur gut verstehen und teilweise auch übernehmen. Es ist nicht notwendig, dass sie ihre eigene Kultur aufgeben, aber sie müssen wissen: Wo sind die Schranken, wo gibt es kulturelle Unterschiede, was ist hier nicht akzeptabel? Immigranten müssen verstehen, was sie tun müssen, um in der Gesellschaft, in der sie bleiben wollen, nicht ausgegrenzt zu werden. Ein Nebeneinander sehr unterschiedlicher Kulturmodelle ist meist konfliktträchtig, eine intensive Übernahme von Elementen einer fremden Kultur ist besser für eine gemeinsame Basis. Das muss jedoch von beiden Seiten ausgehen. Kulturaustausch ist letzten Endes für eine Bevölkerung genauso wertvoll wie genetischer Austausch: Eine höhere Diversität bedeutet eine höhere Anpassungsfähigkeit an Veränderungen und damit bessere Lebens- und Überlebensbedingungen.

Wie aber können viele ältere Menschen in Deutschland, die Flucht und Vertreibung am eigenen Leibe erlebt haben, Flüchtlinge so verteufeln?

Ältere Personen sind im Allgemeinen wesentlich unflexibler, haben mehr Angst vor Veränderung. Verständlich: Bis sich Veränderungen zum Positiven entwickeln, dauert das eine Weile, viele erleben das nicht mehr, sie kriegen nur die anfängliche Unruhe mit. Dazu haben in Deutschland und Osteuropa viele das Gefühl, schon mal von Fremden enteignet worden zu sein und haben Angst vor Wiederholung.

Aber wovor haben die Menschen wirklich Angst, wenn sie von Flüchtlingen sprechen?

Die allermeisten Vorbehalte und Ängste gegenüber Flüchtlingen kommen heute wohl eher nicht aus der Angst, die eigene Kultur würde verloren gehen. So kulturbewusst sind nicht viele Menschen. Wahrscheinlicher sind banale wirtschaftliche Bedenken – „die Fremden“ sind Konkurrenten um Arbeitsplätze, Rente oder Hartz 4. Es ist nur etwas peinlich, das offen zuzugeben, deswegen werden häufig andere Gründe wie Angst vor Überfremdung vorgeschützt.

Hier lesen: Markus Lanz geigt Hans-Georg Maaßen zum Thema Seenotrettung seine Meinung

Also sollten wir einfach allem Fremden offen gegenüber sein?

Nein, man sollte es auch nicht schwarz-weiß-positiv sehen: Denn das angeborene Misstrauen gegenüber fremden Menschen hat Gründe. „Der Mensch ist dem Mensch ein Wolf“, wie Plautus es formulierte. Es sind eben nicht alle Menschen rücksichtsvoll, nett und freundlich und passen sich der vorherrschenden Kultur einer neuen Heimatregion an. Bestes historisches Beispiel: Die Europäer seit 1500. Die indigenen Bevölkerungen Amerikas, Afrikas oder Australiens haben keine guten Erfahrungen mit der Kooperationsbereitschaft und dem Integrationswillen der Neuankömmlinge gemacht.

Also nicht alles ist Friede, Freude, Eierkuchen.

Menschen sind nicht nett. Wenn auf einen Schlag zu viele Fremde kommen, sie zu viel Macht haben, dann setzen sie ihre Wünsche durch, auch auf Kosten der anderen. Das ist dann eine feindliche Übernahme. Es ist also durchaus vernünftig zu sagen: Wir haben Kontingente, und wir nehmen nur so viele Menschen auf, wie wir harmonisch integrieren können. Es geht hier um Vernunft und das richtige Maß, nicht um Ideologie: Aussperren ist falsch, blindlings alles öffnen ist auch falsch.

Warum haben die Gegenden, die am wenigsten mit Flüchtlingen zu tun haben, am meisten Angst vor ihnen?

Genau deswegen: Die Bewohner in dem abgelegenen kleinen Dorf kennen vielleicht nur negative Vorfälle aus den Nachrichten und können sich Fremde nur als kriminelle Bedrohung vorstellen. Sie haben keine positiven Erfahrungswerte, nur die instinktive Furcht vor dem Unbekannten. Ihre Angst ist völlig logisch, aber normalerweise nicht rational begründet.

Das Bild ging 2015 um die Welt: Der angespülte Körper des Flüchtlingskindes Alan Kurdi

Viele Menschen aber legen ihre krassen Vorbehalte gegenüber Flüchtlingen selbst dann nicht ab, wenn grausame Einzelschicksale durch die Medien gehen. Wie am Beispiel Alan Kurdi.

Zunächst spielt die psychologische Distanz zu anonymen Gruppen eine große Rolle. Nachrichten, dass ein Boot mit 120 Menschen gesunken sei, berühren wenig. Wären diese Menschen Kollegen oder aus der Nachbarschaft, wäre der Eindruck schon größer, und wären Familienangehörige unter den Toten ungleich schlimmer. Schlimme Schicksale gehen uns nur wirklich nahe, wenn wir Individuen sehen, keine Massen. Deshalb führt Hollywood in jedem Katastrophenfilm zunächst einige wenige Personen ein, mit denen wir mit-leiden können, statt einfach nur namenlose Menschenmassen im Desaster auszulöschen. Wenn wir wie im Fall des Alan Kurdi ein totes Kind am Strand liegen sehen, seinen Namen und seine Geschichte kennen, trifft das natürlich mehr, als eine bloße Zahl an abstrakten Todesfällen. Das heißt aber nicht, dass dies immer den Effekt des Mitleidens haben muss; manche Menschen sind psychopathisch veranlagt und können kein Mitgefühl empfinden, und viele können sich einfach aufgrund ideologischer Indoktrinierung davor verschließen. Sie geben damit bewusst eine der bedeutendsten Eigenschaften und Fähigkeiten des Mensch-Seins auf.